Christmas Comic Shopping List Gastbeitrag: Quai d’Orsay

17 Dez

Dieses Mal stellt @Mrs_Bing einen weiteren interessanten Comic vor. Wer sich mit ihr über Comics unterhalten will (und die Gute hat Ahnung), sollte ihr bei Twitter folgen. Aber erst lesen, was sie so empfiehlt:

Bildschirmfoto 2012-12-17 um 00.49.57Der Comic hatte mich schon auf der zweiten Seite. Vom Thema her eigentlich unspektakulär. Keine Außerirdischen, keine Zombies, kein Steampunk, keine Superhelden. Oder doch: Es gibt einen Superhelden. Einen mit unglaublich breiten Schultern, die einen entgleisten Zug umleiten könnten, mit riesigen Händen, mit denen er vermutlich Autos heben könnte, und mit einer Mission: das Gute zu tun. Es geht auch um Macht. Aber vor allem geht es um die Macht des Wortes. Und da das Wort allein zu wenig wäre, bekommt es Unterstützung von diesen Händen. Sie setzen Grenzen und weisen Wege auf. Sie erklären den Welterfolg von Tim und  Struppi. Tack Tack Tack. Paff. Sie strukturieren eine Rede vor der UNO-Vollversammlung in New York. Hände und Schultern, komplett überdimensioniert (aber das kennen wir ja von den Superhelden), gehören zu einem Außenminister am Pariser Quai d’Orsay, und wir lernen ihn durch die Augen von Arthur Vlaminck kennen, der einen neuen Job als Redenschreiber dort antritt. Er lernt das Außenministerium von innen kennen, und das ist wahnsinnig unterhaltsam, sogar für politisch Uninteressierte.

Das wiederum ist kein Wunder, denn der Autor von „Quai d’Orsai“ (Abel Lanzac, ein Pseudonym) ist ein Insider und hat selbst unter Dominique de Villepin gearbeitet, der sich gegen den Irakkrieg stellte. Der Alltag im Ministerium, die Frustration beim Verfassen von Reden, die in Stakkato-Abständen immer wieder geändert werden müssen, aber auch die Verehrung für den charismatischen Minister verpackt Lanzac in eine überzeugende Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite packend zu lesen ist. Aber dabei geht es nicht nur um Politik. Es geht um die verbindende Kraft von Metallica, um defekte mobile Drucker und warum manche Menschen ohne Stabilo nicht lesen können.

Christophe Blain hat die Ministeriums-Soap in großartige Bilder gepackt. Seine Figuren haben wenig Mimik, aber dafür umso mehr Gestik. An manchen Stellen vibriert die Seite nur so vor Rhythmus. Trotzdem bleibt seine von Gotlib inspirierte enorme Übertreibung im Rahmen des Sympathischen. Der Minister verkommt keineswegs zu einer Witzfigur, sondern Schultern, Hände und Nase werden zu  Zeichen seiner beeindruckenden Persönlichkeit, Insignien sozusagen.

Diesen Comic könnte ich guten Gewissens zu Weihnachten verschenken. Vielleicht nicht gerade an einen vierzehnjährigen Metallica-Fan. Aber an Menschen, die Spaß an Sprache und/oder Politik haben. Und im Grunde auch an Superhelden-Fans.

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